Basti beim Atlas Mountain Race
Jul 12, 2026
Stell dir vor, du sitzt tagelang auf dem Fahrrad. Vor dir liegen mehr als 1.300 Kilometer durch die spektakulären, aber gnadenlosen Landschaften Marokkos. Tagsüber brennt die Sonne, nachts fallen die Temperaturen. Schlaf gibt es nur wenige Stunden. Genau dieses Abenteuer hat Basti beim Atlas Mountain Race erlebt.
Was auf den ersten Blick wie ein außergewöhnliches Radrennen wirkt, ist in Wahrheit eine der härtesten Herausforderungen im Bereich Ultracycling und Bikepacking. Neben körperlicher Fitness sind strategisches Denken, mentale Belastbarkeit und die Fähigkeit gefragt, unter extremen Bedingungen die richtigen Entscheidungen zu treffen. In diesem Erfahrungsbericht werfen wir einen Blick hinter die Kulissen dieses außergewöhnlichen Rennens: von Bastis Vorbereitung über entscheidende Rennmomente bis hin zu den körperlichen Belastungen.
Was macht das Atlas Mountain Race so besonders?
Das Atlas Mountain Race gilt als eines der anspruchsvollsten Self-Supported-Bikepacking-Rennen der Welt. Die Teilnehmer durchqueren Marokko auf einer Strecke von rund 1.300 bis 1.400 Kilometern mit etwa 20.000 Höhenmetern. Wer hier erfolgreich sein möchte, braucht deutlich mehr als nur starke Beine. Dabei sind sie vollständig auf sich allein gestellt. Das bedeutet:
- Keine Begleitfahrzeuge
- Keine externe Unterstützung
- Eigenständige Navigation
- Selbst organisierte Verpflegung
- Schlafen unterwegs an selbst gewählten Orten
Die Vorbereitung: Mehr als nur Training
Viele Menschen verbinden Ausdauertraining automatisch mit langen Stunden im Sattel. Beim Ultracycling greift diese Sichtweise jedoch zu kurz. Die Vorbereitung umfasst zahlreiche weitere Faktoren. Zu den wichtigsten Bereichen gehören:
- Ausdauertraining
- Schlafmanagement
- Ernährungsstrategie
- Materialplanung
- Mentale Vorbereitung
Basti setzte auf eine strukturierte Vorbereitung und orientierte sich konsequent an seinem Trainingsplan. Rückblickend beschreibt er seinen Rennstart so:
„Ich war wirklich in meiner Pace, mit dem, was ich mit meinen Trainern abgesprochen hatte. Es lief von Anfang an richtig gut.“
Diese kontrollierte Herangehensweise sollte sich im weiteren Rennverlauf als entscheidender Vorteil erweisen.
Ein Rennstart unter Extrembedingungen
Bereits vor dem eigentlichen Start sorgte das Wetter für Aufregung. Aufgrund angekündigter Wetterextreme wurde das Rennen sogar vorgezogen. In höheren Lagen wurden Temperaturen von bis zu minus sieben Grad Celsius erwartet.
Kurz nach dem Start setzte Regen ein. Gleichzeitig wurde im Fahrerfeld ein hohes Tempo angeschlagen. Während einige Teilnehmer von Beginn an aggressiv fuhren, entschied sich Basti bewusst gegen übermäßiges Risiko:
„Man hat relativ schnell gemerkt, wer überpaced und wer sein Tempo konstant hält. Ich konnte mein eigenes Tempo fahren und mich langsam nach vorne arbeiten.“
Gerade bei mehrtägigen Rennen kann eine zu hohe Anfangsbelastung später gravierende Folgen haben. Eine durchdachte Belastungssteuerung ist deshalb ein wichtiger Bestandteil jeder Ultracycling-Strategie.
Die erstee Nacht
Die wohl spektakulärste Szene des Rennens ereignete sich bereits in der ersten Nacht. Bei eisigen Temperaturen musste Basti einen Gebirgsbach überqueren. Dabei übersah er eine vereiste Stelle:
„Ich habe auf der Eisschicht gebremst und bin komplett mit der ganzen Seite in diesen Bach reingeflogen bei –7 Grad. Die Kassette war gefroren und mein Schaltgriff ließ sich nicht mehr drücken.“
Die Folgen waren erheblich:
- Nasse Kleidung gefror innerhalb kurzer Zeit
- Handschuhe und Schuhe wurden steif
- Die elektronische Schaltung fiel zeitweise aus
- Anstiege mussten im schwersten Gang bewältigt werden
Solche Situationen verdeutlichen, wie wichtig Materialkenntnis und Improvisationsfähigkeit im Bikepacking sind. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es Basti, sich weiterhin zu behaupten.
Hitze statt Kälte
Nach den kalten Bergpassagen änderten sich die Bedingungen schlagartig. Vor den Teilnehmern lag ein rund 100 Kilometer langer Abschnitt durch die marokkanische Wüste ohne nennenswerte Versorgungsmöglichkeiten. Hier wurde nicht die Kälte zum Problem, sondern die Hitze. Basti bemerkte, dass seine Körpertemperatur gefährlich anstieg.
„Ich habe mich einfach in eine Lehmbütte gelegt, um die Kerntemperatur runterzukriegen.“
Eine Überhitzung kann die Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen und stellt insbesondere bei langen Belastungen ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko dar. Deshalb sind regelmäßige Flüssigkeitsaufnahme, angepasste Kleidung und ein realistisches Belastungsmanagement von großer Bedeutung.
Atemprobleme durch Sand & Staub
Der schwierigste Abschnitt des gesamten Rennens begann wenig später. Starke Winde wirbelten große Mengen Staub und Sand auf. Durch die dauerhafte Belastung gelangten diese Partikel tief in die Atemwege. Basti bemerkte zunehmend Einschränkungen beim Atmen.
„Wenn ich mehr Leistung fahren wollte, hatte ich sofort keinen Sauerstoff mehr. Ich wollte kein Gesundheitsrisiko eingehen.“
Die Beschwerden machten intensivere Belastungen nahezu unmöglich. tembeschwerden unter extremer Belastung sollten grundsätzlich ernst genommen werden. Basti entschied sich deshalb bewusst dafür, das Tempo deutlich zu reduzieren. Diese Entscheidung zeigt, worauf es im Ultracycling letztlich ankommt: Die eigene Gesundheit hat immer Vorrang vor jeder Platzierung.
Schlafen, wo es gerade möglich ist
Ein weiterer Aspekt des Atlas Mountain Race ist die völlige Freiheit und Notwendigkeit bei der Wahl von Schlafplätzen. Hotels oder feste Unterkünfte sind oft keine Option. Stattdessen entstehen Schlafplätze spontan entlang der Strecke. Eine Situation blieb Basti besonders in Erinnerung:
„Ich habe mich hingelegt und irgendwann gemerkt, dass mehrere Straßenhunde ganz nah um mich herum waren. Die haben geschnüffelt und gebellt, aber ich habe mich einfach nicht bewegt.“
Nach einiger Zeit verschwanden diese wieder, und Basti konnte seine dringend benötigte Ruhepause fortsetzen. Solche Erlebnisse gehören im Bikepacking häufig zum Abenteuer dazu und zeigen, wie unterschiedlich die Herausforderungen fernab klassischer Straßenrennen sein können.
Weitermachen trotz körperlicher Einschränkungen
Nach einigen Stunden Schlaf verbesserte sich sein Zustand vorübergehend. Dennoch blieben die Atemprobleme bestehen. Sobald die Belastung zunahm, kehrten die Beschwerden zurück. Besonders an steilen Anstiegen war an normales Fahren kaum noch zu denken.
Viele Passagen musste Basti schieben oder sogar komplett zu Fuß bewältigen. Schätzungsweise legte er während des Rennens zwischen 150 und 200 Kilometer gehend zurück. Trotzdem entschied er sich bewusst gegen einen Rennabbruch.
Diese Entscheidung verdeutlicht die mentale Komponente des Ultracycling. Durchhaltevermögen bedeutet jedoch nicht, Warnsignale des Körpers zu ignorieren. Vielmehr geht es darum, Belastungen realistisch einzuschätzen und das eigene Vorgehen entsprechend anzupassen.
Der Weg ins Ziel
Mit reduziertem Tempo, regelmäßigen Pausen und einer angepassten Belastungssteuerung kämpfte sich Basti über die letzten Berge Richtung Ziel. Obwohl die körperlichen Probleme ihn stark einschränkten, blieb er lange Zeit im vorderen Fahrerfeld. Nach mehreren Tagen auf dem Rad war es schließlich geschafft.
„Als ich ins Ziel kam, war ich einfach nur unfassbar happy, angekommen zu sein.“
Besonders bemerkenswert: Trotz Sturz, Kälte, Überhitzung und Atemproblemen erreichte Basti am Ende den sechsten Platz.
Was du aus Bastis Erfahrung lernen kannst
Das Atlas Mountain Race zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreiche Ultracycling-Athleten weit mehr mitbringen müssen als körperliche Fitness. Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren zählen:
- Realistische Vorbereitung
- Strategisches Pacing
- Gute Materialkenntnis
- Flexibilität bei unerwarteten Problemen
- Konsequente Selbstbeobachtung
- Priorisierung der eigenen Gesundheit
Bastis Erfahrung zeigt, dass selbst die beste Planung nicht alle Herausforderungen vorhersehen kann. Entscheidend ist oft, wie man auf schwierige Situationen reagiert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie lang ist das Atlas Mountain Race?
Die Strecke umfasst je nach Streckenführung etwa 1.300 bis 1.400 Kilometer mit rund 20.000 Höhenmetern.
Was bedeutet Self-Supported Bikepacking?
Die Teilnehmer dürfen keine externe Unterstützung erhalten. Versorgung und Organisation erfolgen eigenständig über öffentlich zugängliche Infrastruktur.
Wie lange dauert das Rennen?
Spitzenfahrer benötigen in der Regel vier bis fünf Tage. Viele Teilnehmer sind deutlich länger unterwegs.
Ist Ultracycling gesundheitlich riskant?
Wie jede extreme Ausdauerbelastung kann auch Ultracycling mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein. Eine gute Vorbereitung, realistische Belastungssteuerung und die Beachtung körperlicher Warnsignale sind wichtige Voraussetzungen für eine möglichst sichere Teilnahme.
Fazit
Das Atlas Mountain Race ist weit mehr als ein Wettkampf auf zwei Rädern. Es ist eine Prüfung für Körper, Geist und Entscheidungsfähigkeit.
Bastis Weg führte durch eisige Nächte, über vereiste Straßen, durch die Hitze der Wüste und trotz erheblicher körperlicher Einschränkungen bis ins Ziel. Genau das macht diesen Erfahrungsbericht so inspirierend: Nicht alles lief nach Plan und trotzdem wurde das Atlas Mountain Race für Basti zu einer außergewöhnlichen Erfahrung.
Für jeden, der sich für Ultracycling, Bikepacking, extreme Ausdauerabenteuer oder Challventures interessiert, liefert seine Erfahrung wertvolle Einblicke in die Realität eines der härtesten Radrennen der Welt.